Höxter (red). Im Welterbe Corvey endet eine Ära: Johannes Gritzo, seit 22 Jahren Küster der ehemaligen Abteikirche, ist in den Ruhestand gegangen. Bei der Verabschiedung richtete sich der Dank der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus auch an seine Ehefrau Helga: Sie hat den Küster in all den Jahren unterstützt und begleitet. Die Nachfolge hat Anne Quest aus Bödexen angetreten.
Niemals geht man so ganz: Der Lied-Titel trifft auf das Ehepaar Gritzo zu. Denn die beiden werden sich auch im Ruhestand weiter um die Weihnachtskrippe vor dem Nordseitenaltar der Klosterkirche kümmern. Als passioniertem Modellbauer ist es dem scheidenden Küster immer ein besonderes Anliegen gewesen, das Geschehen der Heiligen Nacht warmherzig in Szene zu setzen – und den Menschen zum Fest eine Freude zu machen.
Auch bei diesem Herzensprojekt stand Ehefrau Helga ihm tatkräftig zur Seite. Zur Stelle war sie auch immer bei den Sonntagsgottesdiensten und den vielen besonderen liturgischen und kulturellen Anlässen im Welterbe. Kurzum: Das Ehepaar Gritzo war ein Dreamteam – und meistens gemeinsam in Corvey anzutreffen.
Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek, Leiter des Pastoralverbunds Corvey und Pfarrverwalter von St. Stephanus und Vitus, verabschiedete beide jetzt im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst mit großer Wertschätzung. Der Küsterdienst in Corvey sei eine besondere Aufgabe. Denn „als ehemalige Abtei- und Kathedral-Kirche ist die Domkirche zu Corvey ein bedeutender Ort der Kirchengeschichte, nicht nur der Region, sondern auch Europas“, betonte der Geistliche. Letzteres mache die Ernennung des karolingischen Westwerkes mit der Civitas zur Welterbestätte deutlich.
Corvey sei außerdem ein besonderer Verkündigungs- und Gottesdienstort: „Hier finden unsere Firmfeiern statt, verbunden mit den Lightroom-Gottesdiensten.“ Die Weihnachts- und Ostergottesdienste, aber auch traditionsreiche große Feste wie die Vitusfeierlichkeiten im Juni und die zahlreichen Trauungen „machen den Küsterdienst in Corvey besonders“. Johannes Gritzo habe in all den Jahren für „seine“ Kirche treu und verlässlich großen Einsatz gezeigt, würdigte der Pfarrdechant auch im Namen des Kirchenvorstandes die Verdienste des Küsters.
Der Dienst im UNESCO-Weltkulturerbe sei mit herausfordernden Terminen und Aufgaben verbunden gewesen: „Außenminister- und Bundespräsidentenbesuch hat nicht jeder Küster in ‚seiner‘ Kirche, ebenso wenig modernste Klima- und Präsentationstechnik.“
An die Glanzlichter der langen Zeit seit seinem Dienstantritt Mitte 2003 erinnerte sich Johannes Gritzo beim Empfang anlässlich der Verabschiedung im Westwerk lebhaft: „Ein Highlight war der Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier“, dachte er an den Festakt mit dem Staatsoberhaupt zu Beginn des Jubiläumsjahres 1200 Jahre Corvey im September 2022 zurück. Im nächsten Moment fiel ihm der Aus- und Wiedereinbau der kostbaren Andreas-Schneider-Orgel ein. Ihre Restaurierung mit anschließender festlicher Weihe hat ebenfalls Corveyer Kirchengeschichte geschrieben.
„Viele Persönlichkeiten sind in Corvey ein und aus gegangen“, blickten die Gritzos zurück. Hohe kirchliche Würdenträger, aber auch weltliche Prominenz wie Heute-Journal-Moderatorin Marietta Slomka gaben sich die Ehre. Die Top-Journalistin trat mit ihrem Ehemann im August 2019 inkognito und ohne Kameras in der prachtvollen Barock-Kulisse der ehemaligen Abteikirche vor den Traualtar. Die Gritzos sehen sie vor ihrem geistigen Auge „ganz normal, wie jeder andere“ durchs Kirchenportal gehen.
Zwei Monate vor der Promi-Hochzeit bewältigte Johannes Gritzo zusammen mit Kirchenvorstandsmitglied und Holzfachmann Georg Pietsch einen Kraftakt der besonderen Art: Die imposante Salvator-Statue aus Eschenholz, die den segnenden Christus darstellt und in einer Mauernische der Doppelturmfassade des Westwerks über das Corveyer Land gewacht hatte, war 2012 zum Schutz vor Witterungseinflüssen in die Kirche geholt worden. Eine originalgetreue steinerne Replik hat draußen ihren Platz eingenommen.
Die Holz-Skulptur drinnen schaut neben dem Eingang der Marienkapelle auf die Gäste. Damit sie nicht mehr auf dem Boden steht, sondern würdiger und auf Augenhöhe mit den Menschen, fertigte Georg Pietsch 2019 ein hochwertiges Holzpodest. Nun musste die 130-Kilo-Skulptur aber auf den Sockel hinaufgehoben werden.
Wie sie das geschafft haben, erzählten Georg Pietsch und Johannes Gritzo jetzt so lebendig, als wäre es gestern gewesen: An einen dreieinhalb Meter langen Holzbalken (Leimbinder), der diagonal in der Ecke stand, befestigten beide einen Kettenzug. Dann verschnürten sie die Statue mit Hubschlingen, hakten diese an den Kettenzug an und zogen die schwere Statue hoch. Als der segnende Christus nach diesem aufregenden Manöver kippsicher auf seinem Sockel stand, war es Nacht geworden in Corvey. „Johannes Gritzo ist ein Praktiker. Mit ihm kann man so etwas machen“, sagt Tischler und Holzingenieur Georg Pietsch.
Die ehemalige Benediktinerabtei am Weserbogen wird auch zukünftig immer wieder spannende Herausforderungen bereithalten. Anne Quest freut sich darauf. Die Besonderheit des Ortes, aber auch die vielen Begegnungen mit Menschen machen den Küsterdienst für sie erfüllend. Die neue Küsterin betreut auch die Kirche ihres Heimatortes Bödexen.
Foto: Kirchengemeinde Corvey