Höxter (TKu). Hoher Besuch in Höxter: Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck sprach am Mittwochabend in der Stadthalle Höxter über das Thema Toleranz und sein Buch mit dem Namen „Toleranz: einfach schwer“. Auf Einladung der Volkshochschule Höxter-Marienmünster war Joachim Gauck nach Höxter gekommen. Schon 2009 hatte VHS-Leiter Rainer Schwiete versucht, Joachim Gauck für eine Lesung nach Höxter zu holen. Von 2012 bis 2017 war er der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland und in dieser Zeit erst einmal raus für eine Lesung in Höxter, wie Rainer Schwiete damals bedauerte. Umso mehr freute es Schwiete, Joachim Gauck in diesem Jahr endlich für die Veranstaltung gewonnen zu haben, nach nunmehr 13 Jahren seit den ersten Bemühungen und der Auszeit während der Corona-Pandemie.

Fast 400 Menschen waren erschienen, um die Lesung des ehemaligen Staatsoberhauptes zu hören. „Toleranz: einfach schwer“ - Joachim Gauck sprach sehr frei und authentisch, mit viel Witz, Charme und mitunter launigen Anekdoten über dieses komplexe Thema und las nur kurz am Ende aus seinem Buch das „einfach schwere“ Toleranz-Fazit, das die Besucherinnen und Besucher zum Nachdenken anregte. Jeder der Anwesenden fand sich mal hier mal dort in dem Thema wieder, ob es sich um Toleranz aus Liebe beim pubertierenden Teenager daheim ging, wobei man sein Kind auch in rebellischen Zeiten nicht aus dem Haus wirft oder bei falscher Toleranz gegenüber einem Despoten wie Wladimir Putin, dessen Agieren leider noch immer zu Verständnis bei einigen Menschen führe. Bevor er das Thema Toleranz jedoch näher ausführte, sprach der studierte Theologe über „Intoleranz“ - ein sehr negativ besetztes Wort, das im richtigen Kontext aber durchaus positiv sein kann. Als Beispiel nannte der 82-Jährige wieder den Kriegs-Aggressor Wladimir Putin und den Angriff auf die Ukraine. „Wenn ein friedliches Land überfallen wird, dann darf man sehr wohl intolerant gegenüber dem Aggressor sein“, sagte Gauck.

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“ - mit diesem Satz, mit dem er sich eher nicht identifizieren kann, zitierte Joachim Gauck den Dichter Goethe. Warum er damit ein Problem hat und sich nicht identifizieren kann, machte er am Beispiel der jeweils linken und rechten Parteien im Bundestag klar: Als Opfer des diktatorischen DDR-Regimes sei es nur schwer zu ertragen gewesen, das die ehemaligen DDR-Politiker plötzlich unter neuer Flagge im Bundestag eingezogen sind. Aber den extrem linken oder extrem rechten Flügel anerkennen? Nein! Man müsse sie zwar auf der einen Seite ertragen in gemeinsamer Koexistenz, man dürfe sie aber auf der anderen Seite nicht unfair behandeln, weil das seitens der Menschen zu empathischen Reaktionen für sie führen würde. Das Ertragen dieser extremen Parteien sei somit nur eine Form der Toleranz. In seinen Ausführungen wird immer wieder deutlich, dass Joachim Gauck die Dinge hinterfragt und mit gesundem Menschenverstand beurteilt. Toleranz hat viele Gesichter, was einem während seiner Rede vor Augen geführt wurde. Gauck machte klar, warum er so tickt. Das habe viel mit seiner Vergangenheit zu tun. Der 82-Jährige ist im Krieg geboren und in einer Diktatur aufgewachsen. Das habe Spuren hinterlassen. Mit seinem Buch, einem Spiegel-Bestseller, wirft er die Fragen auf, was die Gesellschaft zusammenhält, was jeder Einzelne tolerieren sollte und wo die Grenzen der Toleranz liegen. Gauck streitet für Toleranz, da sie „das friedliche Zusammenleben von Verschiedenen überhaupt erst ermöglicht“.

Nach seiner Lesung und stehenden Ovationen des Publikums standen die Besucherinnen und Besucher Schlange in der Stadthalle, um das Buch „Toleranz: einfach schwer“ von Joachim Gauck persönlich signieren zu lassen oder ein Foto mit ihm zu ergattern. Dafür stand er für den letzten Gast gerne bereit. In der langen Schlange quer durch die Stadthalle befand sich auch Gundel Rommel aus Lüchtringen, die Joachim Gauck noch als Kind aus seiner damaligen Gemeinde persönlich kannte, während er als evangelisch-lutherischer Pfarrer in Mecklenburg gewirkt hat. Mit einer herzlichen Umarmung begrüßte er daraufhin die Wahl-Höxteranerin nach vielen Jahrzehnten, in der sich beide nicht gesehen haben. Ihr Vater sei damals gemeinsam mit Joachim Gauck im Kirchenvorstand gewesen, so Gundel Rommel. In der Stadthalle war neben dem Bürgermeister von Marienmünster, Josef Suermann, auch der Höxteraner Bürgermeister Daniel Hartmann, um Gauck persönlich zu begrüßen und sich das Buch signieren zu lassen. Als erster Bürgermeister von Höxter konnte er innerhalb von nur vier Tagen zwei Bundespräsidenten begrüßen.

Fotos: Thomas Kube